Veröffentlicht am 15. Juni 2022
Ein Beitrag von Meltem Ay

Vorteile von Open Banking, Diversity in der Fintech-Branche und Anforderungen an Führungskräfte im agilen Umfeld

Meltem Ay, Principal bei GET AHEAD Executive Search, im Gespräch mit Dr. Lea Maria Siering, Chief Risk Officer bei Finleap. Über die Vorteile von Open Banking, Diversity in der Fintech-Branche und Anforderungen an Führungskräfte in diesem agilen Umfeld. 

Meltem Ay: Das große Sterben der FinTechs, wie es Carsten Maschmeyer prognostiziert hatte, fand nicht statt. Dennoch, vieles ist im Umbruch. Wie siehst du deine Branche derzeit?

Dr. Lea Maria Siering: Noch vor wenigen Monaten hätte ich gesagt, dass das große Sterben ausbleiben wird! Doch dann begann der Angriffskrieg in der Ukraine, der eine humanitäre und wirtschaftliche Katastrophe mit sicherlich auch weitreichenden Folgen für uns alle darstellt. Es zeigt sich bereits, dass Finanzierungsrunden wesentlich schwieriger zu realisieren sind und dass Unternehmen beginnen, zu sparen. So waren in den letzten Wochen schon Entlassungswellen zu beobachten. Es bleibt also abzuwarten, ob bedauerlicherweise Herr Maschmeyer zumindest in Teilen recht haben wird.

Meltem Ay: Fintechs zeichnen sich durch Geschwindigkeit und Flexibilität aus. Mitarbeiterführung in einem so agilen Umfeld, stellt neue Anforderungen an Führungskräfte. Welches Set müssen "agile Leaders" aus deiner Sicht mitbringen?

Dr. Lea Maria Siering: Empathie, Klarheit und gute Kommunikations-Skills. Sie müssen in der Lage sein, Zielvorgaben zu definieren – gerade, weil man seine Teammitglieder bzw. Kolleginnen und Kollegen nicht mehr jeden Tag persönlich trifft. Und man braucht sicher auch ein hohes Maß an Empathie für unterschiedlichste Persönlichkeiten. Für all das sind gute Kommunikationsfähigkeiten enorm wichtig! Leader müssen heute in der Lage sein, integrative und vernetzte Hybridteams aufzubauen, denn eine der größten Anforderungen an Führungskräfte besteht seit Beginn der Pandemie darin, mit Kommunikation die Zusammenarbeit, die Innovation und den Aufbau von Beziehungen zwischen Teammitgliedern aufrecht zu halten und zu fördern. Es ist zudem immer ein Auge darauf zu haben, dass die Vernetzung mit dem arbeitgebenden Unternehmen weiter besteht. Auch geht es bei der Führung mehr denn je darum, Bedingungen zu schaffen, bei denen Mitarbeiter „wachsen“ und sich entwickeln können. Wichtig ist, dass Leader in der Lage sind, Mitarbeitenden das Gefühl der Wertschätzung zu vermitteln. Corona hat zudem gezeigt, dass Leader agil und resilient sein müssen. Führungskräfte sind nur dann erfolgreich, wenn sie jedenfalls auch in der Lage sind, ruhig schnelle und fundierte Entscheidungen zu treffen und zu reagieren.

Meltem Ay: Die Spitzenposition der Fintechs im Digitalisierungsprozess lässt sich (noch) nicht auf das Thema Diversität übertragen. Eine Studie zur Fintech Diversity 2021 der Berlin Finance Initiative fand heraus: Der Frauenanteil in den Gründungsteams liegt bei 4 %, in den Geschäftsführungsteams bei lediglich 3 %. Bei größeren Unternehmen sieht es dann etwas besser aus. Hier liegt der Frauenanteil im C-Level-Management bei rd. 12 Prozent. Woran liegt das? 

Dr. Lea Maria Siering: Es war im Berufsleben immer so, dass Männer an der Spitze von Unternehmen stehen und „Karriere“ machen. Die Strukturen sind entsprechend angelegt. Und der Mensch hat ja generell Angst vor Neuem – vielleicht sogar ein bisschen Angst vor starken Frauen?? Jetzt ist jedoch Umdenken gefordert. Männer müssen noch mehr in die Pflicht genommen werden, wenn es um Care Arbeit wie etwa die Betreuung der Kinder geht. Sie sollten Elternzeit nehmen und viel stärker auch in den Haushalt einbezogen werden. Das schafft Räume für Frauen, die notwendig sind. Doch hier fallen viele weiterhin in das klassische Muster. Und Frauen, die sich davon frei machen, werden Vorwürfe gemacht. Zudem sehen viele noch nicht den Mehrwert, den Frauen auch auf der Führungsetage stiften – oder sie wollen ihn nicht sehen. Ich bin zuversichtlich, dass wir dieses Argument schnell aus der Welt schaffen. Sämtliche Studien zu diesem Thema sind zu eindeutig, als dass sie dauerhaft ignoriert werden könnten. Frauen in Führungspositionen steigern maßgeblich den Unternehmenserfolg.   

Meltem Ay: Was bedeutet PSD2 und PSD3?

Dr. Lea Maria Siering: PSD2, also die Zweite Zahlungsdiensterichtlinie, hat zu einer Neubesetzung des Marktes geführt und den Wettbewerb zwischen Banken und Nichtbanken massiv erhöht. Banken waren gezwungen, ihre Schnittstellen zu öffnen und damit Kunden „freizugeben“. Insbesondere FinTechs können so über regulierte Drittdienstleister – wie wir einer sind – auf die Zahlungskonten der Bankkunden zugreifen (Open Banking). Die damit einhergehenden Innovationsmöglichkeiten sind bisher immer noch nicht voll ausgeschöpft. Zumal die Vision eine Größere ist: Unter dem Stichwort PSD3 wird in der Branche eine Ausweitung der bisher bestehenden Kundenöffnung diskutiert, die weit über das Bisherige hinausgeht und zu noch hollistischeren Produkten durch gesteigerte Transparenz führen dürfte.

Meltem Ay: Was bedeutet das für die Fintech-Branche?

Dr. Lea Maria Siering: Für die Fintech-Branche bringt dies eine Ausweitung der bisherigen Möglichkeiten mit sich: Kreditprozesse könnten weiter vereinfacht werden, Zahlungen leichter ausgelöst, Versicherungen besser konsolidiert und überprüft werden oder das eigene Finanzmanagement schnell und einfach erfolgen. Die Ideen hierzu sind mannigfach am Markt vorhanden und ich gehe davon aus, dass die nächsten Jahre viele weitere Innovationen zu Gunsten der Endkunden mit sich bringen werden. 

Meltem Ay: Welche Vorteile entstehen dadurch?

Dr. Lea Maria Siering: Mehr Transparenz, bessere Produkte und hoffentlich auch mehr Verbraucherschutz. Für Geschäftskunden bringt die Zusammenarbeit mit Open Banking Anbietern ebenfalls große Vorteile.

Meltem Ay: Banken oder Fintechs?

Dr. Lea Maria Siering: Beide zusammen; ich finde es nicht mehr richtig, zwischen beiden Begrifflichkeiten zu trennen, denn jede Bank ist schon oder sollte jedenfalls auch ein wenig Fintech-DNA haben. Dasselbe gilt im Übrigen auch andersherum. Auch in Bezug auf diese Frage denke ich, dass Diversität zum Erfolg führt, mithin ein Hybrid zwischen Bank und Fintech.

Meltem Ay: Wie stehst du persönlich zu Open Banking?

Dr. Lea Maria Siering: Ganz klar dafür! Open Banking ist der Schlüssel zu mehr Kundenfreundlichkeit, besseren Angeboten, mehr Transparenz. 

Meltem Ay: Zwei Sätze zur Zukunft der Fintechs?

Dr. Lea Maria Siering: Spannend, kreativ, innovativ – und angesichts der aktuellen Ereignisse natürlich auch herausfordernd. Themen werden sein Open Banking bspw. Open Finance mit Crypto, NFTs, Embedded Finance – aber auch globale Themen wie KI, Datensicherheit und -hoheit.

Danke für das Gespräch!

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